Happiness does not wait

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Montag, 20. September 2021

Ich würde alles zerstören

TW: sex. Mb. ohne Details und konkreten Schilderungen
Es tut mir leid, dass ich hin und herspringe zwischen meinen Gedanken und was ich parallel zur Ablenkung und als Dissoziationsschutz tue. Das erschwert vermutlich das Lesen, aber anders bekomme ich es aktuell nicht hin. 
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Und manchmal ist die Verzweiflung einfach da. Die Angst. Die Hoffnungslosigkeit. 
Was kann ich tun? 
Was sollte ich tun? 

Er ist mein Erzeuger. Vater, noch. Papa, schon lange nicht mehr. 
Er ist der Mann, der mit meiner Mutter verheiratet ist. Er ist der Sohn meiner Oma. 
Es schreit so sehr in mir, zerrt mich auseinander und nimmt mir die Luft. 
Ich höre in solchen Momenten auf zu atmen. 

Gerne würde ich mich selbst verletzen oder einschlafen. Einschlafen und nicht mehr aufwachen. Oder erst aufwachen, wenn ich mir ganz sicher wäre, dass er weg ist und meine Mutter nicht böse auf mich. Dass die Familie noch da ist, aber ohne ihn und ohne, dass ich diese Familie zerstört habe. 


Seitdem meine Therapeutin am Telefon in der Therapiestunde gesagt hat: „Das ist sexualisierte Gewalt, die Sie erleben", ist unwiderruflich ein Loch in diesen äußersten Glaspanzer gebohrt worden, was ich nicht stopfen kann. 
Mir war das bewusst, ihr was das bewusst, auch meiner Ergotherapeutin war das bewusst. Aber ich konnte nicht darüber reden. Nie. Ich habe alles im Ungewissen, im Vagen gelassen. Es war hinter milchigem Glas, verschwommen. In einen Nebel getaucht, zu dem ich die Wetterbedingungen innerlich ideal gehalten habe: Kein klarer Blick, schützend, versteckend. 
Dahinter habe ich die Mauern hochgezogen und hochgehalten. Mehrere, ganz viele. Ein paar Freund*innen dürfen manchmal hinter eine gucken. Ganz selten und merke ich, dass es zu nah ist, baue ich schnell neue, ziehe mich weiter zurück. Wehre ab. 


Ich spiele parallel Rummikub auf dem Handy. Die Hände beschäftigen, damit ich sie nicht um meine angezogenen Knie schlinge und mich hin- und herwiege. Das Gehirn beschäftigen, damit ich nicht komplett wegdrifte und die vermeintliche Kontrolle verliere. Die Augen müssen fokussiert bleiben, damit mir der Blick nicht verschwimmt. Die Ohren lauschen dem Sound und der laut tickenden Uhr, damit ich registriere, dass die Zeit vergeht. 
Maßnahmen, damit ich merke, ich bin real. Hier und Jetzt. Nicht in der Vergangenheit, in der so viel passiert ist, nicht in einem Moment, wo ich diese Schmerzen gehabt habe und diese Bilder statt gefunden haben. 

Es blitzt immer wieder der Wunsch hoch, mir das Leben zu nehmen, um diese Situation nicht mehr erleben zu müssen. Nicht mehr aushalten zu müssen. Nicht mehr entscheiden zu müssen, wie ich nun weiter mache. 


Bei anderen Menschen würde ich abgeschieden laut schreien vor Ungerechtigkeit. Anschließend anbieten, zu reden, unterstützen, vielleicht auf eine Anzeige plädieren. 
Bei mir selbst kann ich das nicht. Ich würde alles zerstören. 
Die Ehe der Eltern, meiner Mutter. Die gute Beziehung zwischen meiner Schwester und ihrem Vater. Die kleine enge Familie, die über die Jahre noch übrig geblieben ist. Meine Oma, die nun sehr viel vergisst, schneller abbaut; mein Opa von der anderen Seite, der verlassen wurde, plötzlich alleine da steht, Haushalt nicht mehr komplett alleine regeln kann, abnimmt vor Traurigkeit. 

Ich werde bald 30 und habe mein Leben nicht im Griff. Ich würde alles kaputt machen. Alles. Mein Leben. Die Familie. Die Liebe. Meine Schwester, die nach ihrer schweren Gehirnblutung jetzt erst wieder richtig den Boden unter den Füßen gefunden hat. 
Alles. Einfach nur, damit mein Fantasie-Gehirn, auf das einfach kein Verlass ist, irgendeiner Idee nachrennt. 
Bitte. Einfach nur schlafen. Ohne Träume. Ohne alles.
Einfach schlafen 

Donnerstag, 23. Mai 2019

Vertrackt

Es ist alles.. total vertrackt.
Schon, dass ich _noch um diese Uhrzeit wach bin, zeigt, dass meine Struktur verloren gegangen ist. In den letzten zwei Wochen habe ich zwischen viele Erinnerungen weg schlafen, dösen, schneiden, essen, atmen.. nichts mehr hin bekommen. Der Dunkelheit habe ich mich entzogen, indem ich kein Licht gänzlich gelöscht habe. Vor der einsamen nächtlichen Angst habe ich mich weggeduckt, indem meine Zimmertür wie früher als kleines Kind nicht geschlossen war.
Und während ich mich immer mehr von mir als Erwachsene löste, zog ich mich innerlich zurück. Bestimmte Jahreszeiten, Daten und Monate ziehen wie mit Kaugummi verklebt Erinnerungen, Augenblicke und Ahnungen hervor.
Hinter ausgeblichenen Tapeten, wackeligen Regalen und zerbrochenen Buchrücken, zwischen feuchten Holzscheiten, zersplitterten Fliesen und rostigen Rohren, unter fadenscheinigen Teppichen und kaputtem Geschirr.. dort lauern sie. Kratzen mit den Fingernägeln und winden sich um meine Füße, Beine, Hände. Drücken mir die Luft ab und dringen in meinen Kopf. Belagern die Gegenwart, zerren die Vergangenheit hervor und löschen die Zukunft aus.
Ich dachte, ich könnte vielleicht ein bisschen leichter damit umgehen. Dieses Jahr zumindest, nachdem ich mir im letzten Jahr endlich Hilfe gesucht habe. Nein. Das stimmt nicht. Ich dachte _nicht, dass ich damit etwas leichter umgehen könnte. Ich hoffte es inständig, bittend und bettelnd an mich selbst, dieses Jahr mal _nicht zusammenzubrechen.
Ohne aktiv etwas dafür zu tun, kann es jedoch auch nicht von selbst besser sein. Als Versagerin fühle ich mich. Statt zu der Freundin zu fahren und dort zu übernachten, obwohl ich sie sogar gefragt hatte, blieb ich allein. Mit meinem mächtigen Freund Tavor und dem schleichenden Kumpanen Zopiclon versuchte ich mich aus meinem Kopf auszusperren. Meine Seele zu betäuben, meine Gedanken statt kontrolliert in den Tresor - dessen Übung ich nicht von selbst anwende und mich dafür nur ohrfeigen könnte - wie wilde Blitze gegen die Schädeldecke krachen zu lassen.
Nicht gut. Gar nicht gut.
Termine habe ich vermasselt, Uniaufgaben liegen gelassen und muss nun den Berg abarbeiten. Zwei Wochen. Nur zwei verdammte Wochen. Während ich auf der Stelle trat und schließlich stehen blieb, überholte mich die Gegenwart und rannte davon.
Doch auch wenn es nun alles total vertrackt ist... aufgeben kann ich morgen immer noch. Vielleicht.

Samstag, 6. April 2019

durch die Nacht

ich streife durch die Nacht
den frischen Wind
er streicht mir durch das Haar
kalte Finger

ich streife durch die Nacht
das Bier ist leer
mein Kopf ist explodiert
gedankenlos

ich streife durch die Nacht
das Auto rast 
verschwommene Landschaft
Geschwindigkeit

ich streife durch die Nacht
ruheloser 
als jemals im Leben
flüchte nach vorn 

ich streife durch die Nacht 
atme aus
schließ endlich die Augen
atme ein

Donnerstag, 4. April 2019

in mir

ich fühle mich
als würde ich innerlich
implodieren

zurück bleibt nur
was ich wirklich bin

was ich wirklich bin
zwischen den scherben
der vergangenheit
und den splittern
mit der frage nach dem sinn

doch bin ich mich
suchen gegangen
ohne irgendwo
anzufangen

herumzuirren
ohne plan
vollkommen verwirren
und zurück bleibt nur
was ich wirklich bin

was ich wirklich bin
zwischen den fetzen
voller worte
und den blättern
mit dem schweigen darin

Dienstag, 11. April 2017

Glüht

Manchmal platzt mein Herz. Still und klammheimlich.
Es wird warm und wärmer und platzt. Vor Stolz zum Beispiel auf meine Schwester. Vor Freude zum Beispiel über einen gelungenen Theaterauftritt. Vor Glück zum Beispiel über meine zwei Meerschweinchen, die vor fünf Jahren bei mir eingezogen sind.
Heute ist Fine sieben Jahre alt geworden. Und mein Großer wird im Sommer neun.

Die Liebe für sie. Die tiefe Zufriedenheit sie zu sehen. Für sie zu sorgen.
Da wird mein Herz warm. Glüht und platzt. Vor Dankbarkeit meine sieben Quietschflauschs zu haben.
Sie haben mir bereits oft das Leben gerettet. Ich kümmere mich um sie. Trage Verantwortung. Liebe sie. Sie sind wundervolle Wesen! Sie gehören zu mir.
Danke, ihr Pik 7

Mittwoch, 11. Januar 2017

Achtung, Panik!

Nicht-Betroffenen von Panikattacken eben jene zu erklären, gelingt mir meist nur sehr theoretisch.


Wie ein Messer, das sich zunächst ganz langsam, sacht in die Haut drückt und plötzlich in Herz und Kopf mit einer solchen Wucht vor stößt. Sich hin- und herdreht, mit der Spitze die Todessehnsucht und -angst vorbohrt, raus seziert und triumphierend in die Höhe reckt.
Die blanke Panik.


Natürlich könnte ich es so erklären, aber das tue ich nicht. Sondern erzähle was von Herzrasen, zittern, vom abfallenden Blutdruck, dem Gefühl keine Luft mehr zu kriegen, dem Bedürfnis, die Situation zu verlassen...
Ob sich danach andere Menschen vorstellen können, wie alles umfassend die entsprechenden Situationen sind und wie sehr sie einen auffressen, kann ich mir nur wenig vorstellen.


Umso plötzlicher habe ich mich in den Zeilen von Cody McFadyens neuem Thriller «Die Stille vor dem Tod» wiedergefunden.

«Jetzt oder nie, treibe ich mich selbst an, aufgepeitscht von meiner Angst»
«Es ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder draußen bin [...] und rasche Entscheidungen treffen muss.
Meine körperlichen Reaktionen darauf machen mir ganz schön zu schaffen:
Ich kann die aufsteigende Panik kaum zügeln, und das Jucken zwischen meinen Schulterblättern redet mir beharrlich ein, jemand hätte mir eine Zielscheibe aufgemalt.
Ich durchquere die Eingangshalle [...]
Meine Haut ist klamm geworden
Ich spüre, wie der Schweiß mir aus den Achselhöhlen hinunterrinnt, und mein Haaransatz ist feucht.»

«[Diese Panikanfälle] bringen jedes Neuron im Gehirn zum Knistern, setzen das Nervensystem in Flammen und jagen die Hormondrüsen in den Overdrive bis zum gefürchteten Kontrollverlust.

Panik überdeckt jedes Gefühl von Zeit [...] lässt einen an Ort und Stelle zur Salzsäule erstarren, gefangen in Hilflosigkeit und Angst.»

«Sie kommen!
Ich weiß nicht, wer 'sie' sind, aber mir bricht der Schweiß aus, und mein Herz rast. Dann spüre ich wieder [ihre] Berührung am Ellenbogen. Sie holt mich zurück in die Realität, als hätte jemand einen Schalter umgelegt [...]»

«Schnell, mach schnell. 
Es geht schon wieder los. Ich spüre, wie sich mein Schweiß zu Perlen verbindet, die an mir herunterrinnt, als mein Körper Tränen aus Panik weint. Erneut ist der Schalter umgelegt worden, ohne Vorwarnung, und die Angst ist wieder da.
[...]
Ich drängle mich [...] vorbei und bin endlich im Schutz»

«Ich atme auf.
In Sicherheit.»

Donnerstag, 5. Januar 2017

Wo fängt es an

liebes, neues Jahr.

Also, nun 2017?

Doch bevor ich die Tage wirklich nun meinen Blick auf die kommenden Aufgaben, Termine und meine Jahresplanung richte, habe ich das letzte Jahr etwas Revue passieren lassen.
Sowie einen längeren Blick zurück auf die vergangenen drei Jahre.

2016

Erneut ist es ein komplett anderes, vielseitiges Jahr gewesen und natürlich wird immer etwas neu sein, neues passieren, neues in mein Leben treten. Jedes Jahr zuvor, in 2016 und auch im kommenden Jahr.

Das, was uns bleibt, ist die Veränderung.

Ich habe sicherlich auch wieder einiges gelernt in 2016. Stricken zum Beispiel. War ich lange lange ein großer Verfechter des Standpunktes, "niemals lerne ich in meinem Leben stricken", hat mich ein kleines niedliches Schaf dazu ermuntert, es zu beginnen. Ein Plüschi. Das kleine, weiche Plüschschaf hat mein Herz erwärmt und ich _musste es einfach kaufen. Also... die Wolle dazu, Nadeln in winziger Stärke und eine verwirrende Anleitung.
Dennoch hat sich meine Mutter erbarmt, hat sich die Geduld und Ruhe genommen, mir im gemeinsamen Seeleninsel-Urlaub linke und rechte Maschen, Überschläge und Muster beizubringen. Nun stricke ich also. Seit zwei Monaten hüpfen also hin und wieder Maschen von der Nadel und inzwischen bin ich geschickt darin, Fehler im Muster zu erkennen, verlorene Maschen aufzunehmen und parallel Musik zu hören, fern zu sehen oder mich mit Menschen zu unterhalten. Dabei macht es mir so viel mehr Spaß, für Schwesterherz zu stricken und zu sehen, wie sehr sie sich von Herzen darüber gefreut hat.
Aber nicht nur Stricken hat mich als neues Hobby im vergangenen Jahr begleitet. Nachdem ich im letzten Jahr mehr und mehr den Freundeskreis der Theatergruppe kennengelernt, im Februar `16 mit meinen Freunden mitgefiebert habe, als sie ihre Aufführungen hatten, hab ich nun selbst Blut geleckt. Seit April bin ich Teil einer 20 köpfigen Theatergruppe. Einem verrückten Haufen aus Studenten, Auszubildender und jungen Arbeitnehmern aller Richtungen, verschiedener Länder sowie Sprachen. Teils kuriose, lustige Rituale, die vor allem bei Premieren und Dernieren zum Vorschein kommen, Partys, kreatives Mitmischen bei der Stückgestaltung, tolle Menschen und im Februar `17 die diessemestrigen Aufführungen füllen mein Leben.
Ich bin gewachsen dieses Jahr. An Menschen, die schon lange mein Leben begleiten, wie Lou., mit der ich im April in Dänemark einen schönen Urlaub verbraucht habe, an Menschen, die neu in mein Leben getreten sind und mir sogar mal ganz ordentlich den Kopf verdreht haben und an mir. Situationen, die mir begegneten und mit denen ich plötzlich umgehen musste.
Obwohl ist nicht wusste, wie ich diese bewältigen soll mit meiner doch sehr brüchigen Seele und dumpfen Blasen voller Angst, Ungewissheit und belastender Gedanken, die immer wieder an die Oberfläche steigen und zu zerplatzen drohen.
Besonders depressive, dunkle Wochen haben 2016 geprägt. Wochen, in denen ich kaum aufgestanden bin, meine Welt zwischen Wach und Traum aufgebaut habe, mich kaum gewagt habe, Hilfe anzunehmen, versehentlich mehrmals meine Medikation abgesetzt hatte und viel der Zeit in der neuen Wohnung, der WG, mit Alleinsein verbracht habe.
Aber auch schöne Lichtpunkte haben sich wie kleine Laternen in die Wochen eingereiht und mir wieder Schub und Hoffnung gegeben. Meist Konzerte wie dreimal die Sillys zu hören, Silbermond und Tanz der Vampire zu erleben oder einfach die Seele baumeln lassen in mitten der vielen Menschen beim Airbeat 1 Festival. Ebenso die Leichtigkeit über der Erdoberfläche während ich Innenlands als auch außerhalb nach Ungarn geflogen bin und all die Momente, in denen ich meine Schwester in die Arme schließen durfte, sie ruhig und beständig atmen höre und sehe.

«Ein Sturm kommt auf, wir halten ihn aus.»

Silly - Kopf an Kopf

Im März besuche ich sie wieder in Ungarn und was meine Eltern tatsächlich richtig perfekt geschafft haben, ist meine Schwester. Meine Seele immer dicht neben ihrer zu wissen, ist unbeschreiblich kostbar und zaubertoll.


2013 - 2016 

Drei Jahre sind eine lange Zeit und vergingen teilweise doch wie im Flug. Sie stehen nach wie vor nicht im Vergleich mit den etwa 7 Jahren voller Magersuchtsgedanken, -handlungen und der verzweifelten Zeit meiner hungernden Seele.
Sie hat mich gequält, die verdammte Essstörung, hat mir Freude, Leichtigkeit, Freunde, Kraft, Konzentration und viel mehr genommen. Dennoch glaube ich, dass ich sie brauchte, um mit den Splittern der kaputten Lebenssituationen umzugehen. Ich bin an ihr gewachsen, weiß mich gut zu reflektieren und auf mich zu achten. Nicht alles runterzudrücken, was gerade hervor kommt. Aber ich brauche sie nicht mehr. Meine übrigen Diagnosen reichen noch mein ganzes restliches Leben aus. Da kann ich ruhig eine richtig dumme Krankheit am Kragen packen und aus dem Fenster schleudern.
Drei Jahre bin ich seit der Klinik wieder auf mich selbst gestellt mit genügend Mahlzeiten, ohne verbotene Nahrungsmittel, tatsächlich ganz OHNE verbotene Lebensmittel, und der Selbstfürsorge, meinen Körper bei Kräften und am Leben zu erhalten. Fülle ich nun einen Test aus, ob eventuell eine Essstörung vorliegt, lande ich immer im sicheren Bereich, dass da nichts ist. Nichts mehr.
Ich lasse Essen nicht verschwinden, teile es weder in Farbe, noch Form ein, esse nicht in einer bestimmten Reihenfolge, zähle keine Kalorien mehr, koche oder backe nur noch, wenn ich auch davon esse, ich geize nicht übertrieben am Geld beim Essen, denke und träume nicht mehr pausenlos vom Essen.
Ich esse. Mit, vor anderen, auch allein, schaue, worauf ich Lust habe, koche, esse auf oder lass auch mal liegen. Wie es eben normal ist. Ich esse auch mal nachts oder spät oder mal auch nur zwei Mahlzeiten oder vorm Fernseher. Wie es eben auch normal ist.
Ich bin auf kein Gewicht mehr fixiert. Ohne Waage, kein dauerndes Wiegen. Aber den Impuls hätte ich gar nicht mehr. Ich trage Kleidung von xs bis m, weil Größen einfach ein dämliches System ohne für alle geltende Regeln sind. Es passt? Okay. Ich taste keine Knochen mehr ab, fahre nicht mehr ständig über die "dicken" Stellen, zähle keine Gürtellöcher ab, sondern trage kurzerhand überhaupt keine Gürtel mehr. Die Hosen sitzen ohne gut. Darauf achte ich beim Kaufen. Größen? Paah. Es muss mir gefallen und passen, andernfalls ist es das Geld nicht wert.
Ebenfalls liest sich meine Check-Liste / meine Frühwarnsignale für einen möglichen Rückfall leicht. Weil nichts mehr zutrifft. Ich fastfoode auch, esse gerne mehrmals täglich warm, nehme mir die Zeit zum Essen, vergleiche meine Figur nicht mehr mit anderen. Sehe ich extrem dünne, kranke, habe ich Mitleid und hoffe, dass diejenigen das auch schaffen. Weil ich selbst never ever in die Spirale zurück will.
Mich einer Krankheit hinzugeben, voll aufzugeben und ihr alles zu überlassen, fällt mir nicht mehr im Traum ein. Nein.
NEIN! Ich bin sperrig und kratzbürstig, stur und viel zu viel verliebt in das Leben, als mich in den langsamen Tod durch Verhungern ziehen zu lassen.
Mein Gewicht nicht zu kennen, macht mich zufrieden. Wozu brauche ich es auch? Ich bin dennoch dünn, das weiß ich, das sehe ich und schätze inzwischen fast überall auf den Zentimeter genau meinen Umfang ein (Ausnahme bleibt der Bauch, aber ich bin nicht fett und das weiß ich und fühle ich genau). Heute morgen als Vergleich zu der Übung von vor drei Jahren getestet. Stämmige Unterschenkel? Ja, mein Gott, es ist eben so. Und dort steckt Kraft drin. Kraft, die ich früher fürs Sprinten auf die Tartanbahn und heute fürs Klettern an der Boulderwand brauche.

In den drei Jahren seit der Krankheit habe ich gelernt, weiter zu essen und zu leben mit dem Gewicht und der Figur, die ich habe. Zufrieden damit zu sein. So zufrieden, dass ich auf einer Bühne stehe und mich nicht unwohl oder wie ein dicker, aufgeblähter Kugelfisch fühle.
Ich habe angefangen, Lässigkeit, Freiheit, Genuss und Spaß beim / mit / durchs Essen in mein Leben zu lassen und darauf bin ich unfuckingfassbar stolz. Ganze 10 Jahre später.




Es liegt hinter mir.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Wenn ich mich nicht mehr spüre

Es ist Weihnachten. Vier Tage und Heiligabend im Paket mit der glücklichen Familie, Musik, Geschenken, dem Baum und den Lichtern liegt in Glanzpapier gewickelt auf der kaltgrauen Fußmatte bereit zur Bescherung. 
Erfreue dich daran


Das hässlich verpackte Geschenk. Die Angst lähmt mich dieses Jahr sehr, legt meine Atmung still, lässt das Blutrauschen verstummen. Lässt die rostroten Perlen in Zeitlupe herabkullern in den Fluss der traurigen Tropfen.

Der wichtigste Mensch meines Lebens kommt endlich zurück für die paar Tage und ich bin froh und überglücklich, wenn ich Schwesterherz gesund und heile in die Arme schließen kann. 

Familie. Die Vereinigung des tollsten Menschen sowie meiner Mutter, der ich viel verziehen habe, die mir hin und wieder die Geborgenheit kurz gibt, die mir seit Babytagen fehlt und dann einer der wenigen Menschen, vor denen ich so Angst habe. Und dabei ist er doch nur mein Vater. Und niemals ist dort irgendwas wie nicht so gelaufen, wie es sein sollte. Es Nein das geht nicht. Niemals. Er ist mein Vater und ich hab ihn auch gerne. Punkt


Aber ich spüre mich trotzdem kaum. Ein Zittern, das Ansetzen und kurz durchatmen. Für ein bisschen innere Kopfruhe. 

Weihnachten. Es wird wie immer. Eine nahe Familienzeit

Donnerstag, 17. November 2016

Das schwere Ding mit dieser Liebe

Vielleicht bin ich ein glücklicher Single.
Denn prinzipiell bin ich ganz akzeptabel im Alleinesein. Alleine Urlaub zu machen, erfüllt mich. Im Auto sitzen, mit den Fingerknöcheln auf dem Lenkrad trommeln und alle Laute meiner Stimmbänder in Klangfarben verwandeln, macht mich zufrieden. Sich im Bett drehen, wenden, zwischen der kühleren und kuscheligen Decke hin und herwechseln, lässt mich ruhig schlafen. Sich selbst mit lesen, stricken, bouldern, Musik... zu beschäftigen und darin meine innere Ruhe zu finden, ist total mein Ding. In der dynamischen Natur mich zu bewegen, inne zu halten und tief durchzuatmen, macht mich frei.
Freiheit.

Über mein Netz an Freunden bin ich dennoch sehr glücklich. Möchte ich Kontakt, stelle ich ihn her, indem ich an der Nachbartür klopfe und meinen Mitbewohner besuche, schreibe ich eine Nachricht, spreche ein paar Zeilen zu einer Sprachnachricht zusammen, telefoniere oder schaue spontan bei meinem besten Freund vorbei. Muss ich tatsächlich nachts mal flüchten, habe ich eine Freundin, bei der ich auf der Matte stehen kann und sie ohne Fragen mich auf ihr Sofa verfrachtet, bestimmt Tee hinstellt und tausend Taschentücher anreicht, wenn ich sie brauche.


Trotzdem ist da nun sie. SIE. Sie wohnt nicht in meiner Stadt, macht nichts ähnliches, sondern arbeitet ganz tapfer jeden Tag und die restliche Zeit gehts ihr momentan nicht so gut. Sie ist viel krank und manchmal ist es ein ganz schönes hin und her. Wir hören ein paar Tage nichts von einander, danach glühen die Tasten oder Sprachnachrichten.

«Ich hab mich auf dich
und deine Art eingelassen
ganz unverbindlich
erstmal gucken, wie es wird

und wird's dir zu eng
musst du nicht bei mir bleiben»¹

Wer weiß, ob sie weiß, was sie will. Wer weiß, ob ich weiß, was ich will.
Außer ihre Hand zu nehmen, sie an mich zu ziehen, sie zu küssen. Ihr morgens den Kaffee reichen, sie nach der Arbeit abholen. Mit ihr an der Hand über einen Flohmarkt schlendern oder mit Wasser in den Ohren über die Wellenoberfläche in einer Therme gleiten. Sie mit an die See nehmen, Blätter in die Haare werfen und endlich den Drachen aufbauen. Ihr zusehen, wie sie bei Nervosität tausend mal ihren Lipliner rauskramt und noch mehr Angst vor Spinnen hat als ich.

Irgendwie klingt das verliebter, als ich geglaubt habe. Dennoch ist es verdammt schwer. Verbindlichkeit und Freiheit. Arbeit und Uni. Zwei verschiedene Städte. Würde sie sich überhaupt darauf einlassen? Und wie tickt sie in einer Beziehung? Wie ticken wir gemeinsam in einer Beziehung?
Ob sie keine Probleme damit hat, mit einer Freundin statt einem heterosexuellen Partner durch die Stadt zu spazieren oder kennt sie es noch gar nicht und traut sich allgemein nicht?
Wie genau sie wohl überhaupt empfindet?


Und schließlich bringt mich die alt Neu-Berlinerin immer noch ein bisschen durcheinander. Auch wenn sie inzwischen die Brücken wirklich hier zur Stadt abgebrochen hat, sich zum tausendsten Mal von ihrer On-Off-Beziehung getrennt hat, rührt ihre Stimme von den Sprachnachrichten und Bildern meine Seele an.
«This love is rain and blue skies»²
Unverbindliche Küsse. Warme Umarmungen und mit den Fingern in die vollen Haare greifen. Sich aneinander schmiegen.
Sie wird vermutlich immer etwas besonderes für mich bleiben.
«Still falling for you»²
Zumindest etwas, Kleine.


Aber Verliebtsein ist nicht mit Liebe gleichzusetzen und vielleicht kenne ich dieses schwere Ding namens Liebe momentan gar nicht.

«If love was a word
I don't understand
simplest sound
four letters»³




¹Revolverheld - du weißt nicht, was du willst
²Ellie Goulding - still falling for you
³Marlon Roudette - new age

Donnerstag, 22. September 2016

Zerbrich die Familie nicht

Du verteufelte Essstörung. 

Vorhin habe ich endlich den schwedischen Film «Stella -  kleinegroße Schwester» gesehen. Mit starker Besetzung in einem Themengebiet, welches die schwere Familien- und Geschwisterkonstellation zeigt, wenn ein Familienangehöriger eine Essstörung entwickelt. 

Stella ist die kleine Schwester von Katja. Eigentlich. Denn als sie mitbekommt, dass Katja nicht isst, extrem viel Sport treibt, sich übergibt und im Spiegel sich kritisch mustert, wird sie in eine übermächtig große Rolle gedrängt. Auf jeden Fall muss Stella die Klappe halten, findet Katja. Mit Manipulation und Erpressung verwickeln sich die Geschwister in den Fängen und Seilschaften der Magersucht. Katja hungert. Stella schweigt. 
Solange bis die Last ihre Stille bricht und sie sich einer Schulpsychologin anvertraut. Die Krake der Krankheit wirft ihre Fangarme neu aus, bis die ganze Familie in einer hilflosen Spirale festhängt. 


Ein so guter und essentiell wichtiger Film, der das Ohnmacht-Macht-Verhältnis einer Essstörung zeigt, in deren Sog alle Beteiligten fallen und um Zusammenhalt, Individualität und Stärke bangen müssen. 
Die Belastung, die auf die Geschwister einwirkt, wird sehr gut umgesetzt. Die Angst, den wichtigen Menschen an seiner Seite zu verlieren gegen die Angst, seinen Bruder oder seine Schwester zu verraten, das Vertrauen enttäuschen. Auch die Fokussierung auf das kranke Kind und den Schatten, in den das Geschwisterkind gedrängt wird, werden erfolgreich hervor gearbeitet. 



Es ist komisch zu schreiben, dass ich froh bin, dass die Stricke, die damals meine Essstörung gesponnen hatte, sich mehr und mehr um meine Beine, meine Arme, meinen Bauch und Rücken, meine Füße, meinen Hals, meine Handgelenke und meinen Kopf gewickelt haben. Meine Umwelt wurde natürlich mit einbezogen. Damalige Freunde, Menschen, die mir damals nahe standen. Aber nicht meine Schwester, obwohl ich in den Anfängen und auch die weiteren Jahre jeden Tag mit ihr verbracht habe. Die allermeiste Zeit geteilt. 
Es fühlt sich fremd und merkwürdig an, eine emotionale Facette zu wissen, die den Stolz darüber wiederspiegelt, die Essstörung weitestgehend von ihr weg gehalten zu haben. 

3 Jahre ist es nun her. 3 Jahre und die Diagnose liegt hinter mir. Magersucht. 
Tschüs. Und lass für immer die Finger von mir. 
Dein Opfer werde ich nicht sein. 

Dienstag, 6. September 2016

Psssch

«Psssssch. Ganz ruhig. Es ist alles okay. Es.ist.okay.»

Ein Selbstberuhigungsmantra. Ein Selbstberuhigungsmantra. Ein.. Ich beruhige mich jetzt. Oder gleich. Oder so ähnlich.
Durchatmen

Sonntag, 21. August 2016

Schrecklich süße Depression

Da ist eine Mücke, sage ich zu Depression. Sie guckt und nickt nur stumm.
Depression ist nie sehr gesprächig. Was mich aber weder stört, noch wundert. Denn ihr müsst wissen: Schließlich ist sie auch nur ein Schaf. Mit großen glitzernden Augen, weichem, schwarzen Plüschfell und ein liebes Geschenk von meinem Mitbewohner.
Mit einer Schleife um den Hals. Eine unfassbar karierte Schleife, die Depression nur noch niedlicher macht.
"Davonkommen ist ein hässlich verpacktes Geschenk"¹, meint sie, beißt ein weiteres Dunkelstück der Nacht aus dem Himmel und immer wenn sie das sagt, wird sie ihrem Zweitnamen gerecht. Tod.
Liebenswerte Namen, nicht? Aber die trägt sie, weil.. Tja. Gute Frage. Vermutlich weil ich sie geschenkt bekommen habe, als keine bunte Zeit war. Sondern die Tage einer Kette liebloser grauschwarzer Stundensammlungen glichen.
Jedoch ist eine bleierne Traurigkeit nicht der erfüllende Lebensinhalt. Also, verpasste ich ihr diese Namen. Zu ironischen Forschungszwecken. Die jeden Morgen starten, wenn ich mich durchringe, meinen seelisch alten, realistisch aber gerade mal 24 jährigen Körper in eine senkrechte Position zu bringen. Luftmoleküle aufwirbeln und sich nahezu sofort Staub auf meinen äußeren Körperschichten ablagert.
Jeden jeden Morgen.
Und morgen ist leider auch noch ein Tag².




¹ Lilly Lindner - Splitterfasernackt
² Tobi Katze - Morgen ist leider auch noch ein Tag

Übrigens beides sehr gute Bücher, die absolut lesenswert sind. 

Freitag, 12. August 2016

Wohnungsgeschichten...

... zack. Weg war sie endlich. Diese Wohnung.
Ich hab sie nicht weiß gestrichen, nein, das hab ich nicht. Ich hab meine Schweine gepackt und das restliche Zeug. Das ist schon eine Weile her. Dann wurde der Rest irgendwann gepackt und ich habe mit den Vermietern gestritten. Nun müssen sie streichen und putzen etc. Damit habe ich nichts mehr zu schaffen und das ist gut so.

Was ich noch großartig getan habe? Nägel aus der Wand ziehen, Duschvorhang abbasteln, Fensterschlüssel raussuchen. Alles bereit legen und gehen.

Die Wohnung gehörte schon lange nicht mehr mir. Seitdem meine Meerschweinchen ausgezogen waren, fühlte sich die Wohnung kälter an. Keine Wärme ist mir entgegen geschwappt, kein freudiges Quieken begrüßte mich mehr.

Wie ein luftleerer Raum, kein Leben je gefüllt.

Und du glaubst,
du bist farblos
und morgen dann tot

Und du fühlst dich so überflüssig
und falsch
wie das fremde Haar,
was auf dem Bettlaken verweilt.




Schließlich finde ich neben mir dich und erinnere mich. An mich. Wie ich dich suchte und fand. Du das Privileg, meine beste Plüschfreundin zu werden, bekamst. Zeit wurde relativ. Da du mit mir gingst.

Du bist meine älteste Freundin
Mit den roten Haaren

Ich hab dich durch die Welt getragen
weißt du noch?
Am Anfang sogar um den Hals
und wie frech du bist
hat meine Mutter immer geschimpft

Wenn du nicht da bist
schlafe ich schlechter ein
und auch wenn ich nicht mehr 12 bin
brauche ich dich

Du hast über die Hälfte meines Lebens
direkt neben mir verbracht
sogar die allermeiste Zeit mit mir

Ich durfte dich vollweinen
und mir musste es nie gut gehen
mir muss es bis heute nie gut gehen
es ist dir egal, wie es mir geht

und auch wenn ich erwachsen bin
weiß ich
deine kleine Plüschseele treibt da irgendwo neben mir im Wind

Mittwoch, 10. August 2016

Klausuren und Ängste - eine Story ohne happy end

Erinnert ihr euch?
Diese Klausur, vor der ich erst gar keine Angst hatte?

Naja, dann hatte ich plötzlich so dolle Angst, dass ich aufgefressen wurde. Ich wurde krank. Und zu der Klausur danach war ich auch krank und dann habe ich Psychologie-Kombiklausur geschrieben.
Wobei...geschrieben. Haha. Ich hab meine Matrikelnummer angekreuzt, ein paar multiple choice Kästchen bekreuzigt, andere wieder ausgemalt und dann Löcher in die Luft geschaut.
Ich. Bei Psychologie. Blackout. Da darf ich echt nicht der Vorlesungstante erzählen, dass ich doch so einiges in Psychologie weiß, weil ich mich damit nunmal auseinandersetzen _muss. Und will. Pädagogische, Entwicklungspsycho. All das lese und lerne ich gerne und sitze dann in der Klausur und tjaaaa.
Ich hätte vielleicht was malen und ihr eine Aufgabe stellen sollen:
Beschreiben und analysieren Sie die Abbildung unter psychotherapeutischen Aspekten und mit Einbeziehung des Entwicklungsstandes der Studentin in ihrer aktuellen Situation.

(Ich, 5 Jahre, kaue auf dem Stift und gucke Löcher in die Luft, still und isoliert. Zumindest sehe ich auf den paar Kinderbildern so aus, wenn ich nicht gerade aufgefordert wurde, super lächelnd in die Kamera zu blicken.)

Naja. Zumindest habe ich dann oben neben meinen Namen noch "Staatsexamen" geschrieben und darunter ergänzt "Oder vermutlich nun leider kein Staatsexamen". Die Prof hab ich zumindest verstanden, dass sie meiner Einschätzung gefolgt ist und kurzerhand "5,0 / kein Staatsexamen" als Ergebnis eingetragen hat.

Schwupps. Da war dann das Loch, in das ich gefallen bin und was mich hat einiges an Blödsinn anstell-, wobei nein. Nur meine ganzen Lernvorräte habe ich schnell vernichtet, nur ungesundes gegessen und mich zwei Tage nicht aus dem Bett bewegt. Gar nicht so blödsinnig. Sondern sehr verständlich. Die Chips und die Schokolade waren schließlich für nur einen Zweck bestimmt, der nicht eingetreten ist. Also musste ich mich opfern und sie sang- und klanglos aufessen. Immerhin haben sie geschmeckt in den Pausen von schlafen und gammeln und Tierchen füttern und nicht duschen und nicht anziehen und miefig aussehen und so weiter. Danach war ich einigermaßen wieder gefasst und habe mich in die "ich muss wenigstens möglichst viel Haushaltsarbeit von meinem Mitbewohner weghalten, der Staatsexamen schreiben darf" Phasen gestürzt.
Ihm Brötchen machen, Kaffee brühen, damit er nicht mehr nach Leiche, sondern wenigstens nur kränklich aussieht, gut zusprechen, ihm noch mehr Bücher ausleihen gehen, ihn beruhigen bei Panikattacken und zuschütten mit Infos bzw. pflanzlichen Mittelchen aus dem heiligen orangen Kistchen, damit er nicht noch die letzten Organe ausspuckt und in der Prüfung dann nur aus dem letzten Loch röchelt. Sieh da. Wir haben es geschafft. Ich hab miefig ausgesehen und dann okay und dann wieder menschlich und er ist von Leiche auf kränklich gesprungen und nach dem er Examen geschrieben hat wieder auf eine gesunde Hautfarbe.

Dazwischen? Dazwischen habe ich viel geknutscht und gefeiert. Ein bisschen was getrunken. Mit der Theatergruppe zusammengesessen oder verknotet zu siebt auf einem Sofa gelegen. Über Gott und die Welt diskutiert. Habe erfahren, dass eine gewisse Sie leider absolut hetero ist.
Wieso genau tragen Heteros keinen Stempel auf der Stirn? Achja, richtig. Weil dann jeder andere sehen würde, dass sie leider recht langweilig durchs Leben gehen. Sorry Leute, aber aus der Reihe tanzen und mehr oder andere Auswahl haben und mehr oder anderer Gesprächsstoff rockt eben doch ziemlich. Man kann auffallen, kann Eltern schocken und "Freunde" und noch viel mehr. Man kann Menschen dazu bewegen, auf die Straße zu gehen. Zum Beispiel weil sie Angst haben, dass wir alle Schulbücher qualitativ abwerten und ihren Kindern Horror Szenarien erzählen. Gibt es tatsächlich Erziehungsberechtigte, die glauben, dass ihre Kids niemals das Internet und niemals die Pornoindustrie entdecken werden? Und dann haben sie Angst, dass in der Matheaufgabe nicht der Hans die Marina vor x Jahren heiratet und bereits y Jahre mit ihr zusammen ist, sondern der Hans mit dem Georg in die USA reist und dort richtig heiratet, weil sie in Deutschland immer noch nur die eingetragene Lebenspartnerschaft haben können? Nunja. Ich werde trotzdem Biolehrerin und dann _wird es bei mir solche Aufgaben geben und dann _werden die Kids auch über alle Familien- und Lebensformen aufgeklärt.
Ja.. aber dazu muss ich eben nun krank sein und mich ums Gesund werden kümmern. Konkret: Urlaubssemester und um Therapie und Maßnahmen kümmern, die mir ermöglichen, mein Gehirn auszutricksen, damit ich bei einem Blackout wieder zu mir finde und weiter arbeiten kann.
Fürs nächste Staatsexamen bin ich trotzdem angemeldet und dann werde ich wieder diese Psychoklausur davor schreiben und mehr als nur ein Bild malen können.
Ätsch.
Ihr werdet es schon sehen.

Oh - guck mal. Der Wecker klingelt in drei Stunden. Hihi. Naja. Dann ist die alte Wohnung für immer weg. Aber dazu dann morgen. G N8!

Montag, 27. Juni 2016

Klausur - na und?

Und obwohl ich Prüfungsphobie habe, gehe ich medikamentös eingestellt entspannter an die Klausur ran. ZU entspannt. Der zweite und gleichzeitig eigentlich mein letzter Versuch - nicht, weil ich die höchste Versuchszahl einer Klausur erreicht habe, aber leider die höchste Semesterzahl für den Bachelor.
Nun also, sehr entspannt. Ein bisschen Herzklopfen, aber ich kann schlafen und träume nicht horrorhaft von der Klausur, von leeren Blättern, von einer mitgenommenen Klausur, von totalen Zusammenbrüchen während der Klausur.
Ich setze riskant, ich weiß, auf 2/3 Wissen. Wenn ich 2/3 gut kann und das letzte Drittel zumindest mehrmals gelesen habe, reicht es hoffentlich, um über die magische Punktzahl für die 50 Prozent zu springen.
Ansonsten? Ist es nicht der Weltuntergang. Vielleicht für den ersten Moment schon. Aber es gibt Möglichkeiten und vielleicht auch Wege. Zumindest ist mein Leben nicht mit dieser Klausur vorbei. Immerhin etwas.

Und danach? Tierarzttermine, einen Vortrag halten, grillen, aufs Probe-Wochenende mit der Theatergruppe fahren. Leider hat M. genau in der Zeit Geburtstag. M., die echt einiges emotional angerührt hat, aber ich bin froh, dass diese enge Bindung wieder sich gelöst hat. Entweder man nimmt mich, wie ich bin oder man lässt es. Aber nur für die Freundschaft einer Person sich zum Brechen zu verbiegen, ist es mir nicht wert.
Selbst wenn ich kein ganzes Stück bin, sind es alles Teile, die zu meinem Gesamtpuzzle gehören. Selbst wenn ich das oft gar nicht leiden kann, kann und werde ich nicht einfach Teile davon verlieren.

Obwohl es tatsächlich _nicht der Weltuntergang ist, ist das Flaue in meinem Magen mir so unangenehm, dass ich am liebsten vorsichtig die Hautschichten durchtrennen möchte, damit ich ruhiger atmen kann.

Doofe Angst.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann

(Francis Picabia)

London. Staatsexamen. Bauen. Rügen. Schwester. Uni. Ungarn.

Mein Kopf ist eine große runde Kugel, in der die Zukunftsgedanken für August und September wirbeln. Immer wieder stupst jemand sie an und sie blitzen auf. Verkünden die farbige Vielfalt der Möglichkeiten und Chancen. Der endlosen schnell laufenden Zeit. Zeit, die im Schlag des Lebensorgans mit dem Ticken der Uhr sich konkurriert.


Wofür nimmst du dir Zeit?

Die kostbaren Momente lässt du zwischen deinen kühlen Fingern zerrinnen.
Die Hast der direkten an der Schnur aufgezogenen Schritte.
Der hohe keuchende Kolibri Atem.
Die durchgestreckten geforderten Knie.
Der terminlich gemauerte Gesichtsausdruck.
Strenge. Kälte. Ziel und Flucht.

Links die Farben in zerlaufenden Bändern zu rau-abstrakten ungefühlten Mustern.
Zu der Rechten kleingroße kantigharte Personen und Gegenstandsumrisse.
Und beides webt sich ineinander wie Finger zweier Hände.
Zum emotionalen bunten Flickenteppich des Moments dieser Zeit.

Doch du greifst nicht zu. Bleibst nicht stehen. Lässt alles getrennt vorüberziehen .


Die wichtigste Klausur und ich habe fast nichts gemacht. Lerntricks und Tipps habe ich gelesen. Meine Lernumgebung eingerichtet. Begonnen, alles vorbeugende zur Abwehr der Erkältung meines Mitbewohners genommen.
Die Ruhe, mit der ich dem Umstand begegnen werde, ängstig mich. Die unbekannte Ruhe, die mir viel mehr den Blick auf das große Ganze richtet. Es ist nicht der letzte Versuch, aber eigentlich das letzte Semester. Vielleicht lässt sich darüber was regeln. Vielleicht auch über die Anerkennung der nachweislichen Prüfungsphobie. Und auch ein genötigter Umstieg auf Realschule würde mir zwar keinen Spaß machen, birgt aber die Chance, das auch für sich zu entdecken.
Die Zeit wäre nicht vollends verloren. Es gibt Wege und es ist nicht mehr nur der Abgrund, auf den ich zutaumel und mich, vor Angst rein zu fallen, direkt in die Tiefe stürze.
Also, Klausur, dann Klausuren, danach Examen. Eventuell anschließend London. Wieder bei meiner kleinen Familie sein und weiter ihren Stall bauen. Für die Uni parallel arbeiten. Meine Schwester in Ungarn besuchen, also vielleicht. Tanz der Vampire genießen. Letztendlich mit meiner Mutter nach Rügen touren.
Geordnet ist so "lame"

Meine bunten schillernden Glaskugeln im Kopf der Lebenspläne, die bei jeder bewegten Berührung los kullern, gegen andere stoßen und ein zaubertolles Bild projizieren, sind mir lieber.

Damit gehe ich nun schlafen. Gute Nacht, spannende Welt.

Montag, 9. Mai 2016

Wort.Kopf.Gedanken.

Panikattacke

Ich atme
Irgendwie klingt das lauter als atmen bei anderen
Ob ich wohl genug Luft kriege, wenn ich so laut atmen muss
In einer rollenden Blechdose mit Fenstern und vielen fremden Menschen
Reisen von Stadt zu Stadt

Ich atme
Ob ich wohl zwischendurch die Luft anhalte, weil ich so tief atmen muss
Es drückt alles und ich möchte schlafen
Oder dissoziieren
Wieder Luft zu bekommen
Wie lange das Gehirn ohne Sauerstoff überlebt
Und wenn ich einfach hier nun sterbe
Keine Luft


Frei sein

Da stand ich im Licht
Den Tunnel vor Augen
Im warmen Sonnenlicht
Verharren
Genießen
Liderflattern
In die Nacht

Endlich wieder frei sein
Einfach wieder frei sein


Nachts

Nachts
Liegst du so da
Das Kissen, die Decke
Dein Blut so warm

Nachts
Augen nicht zu
Gebrochen
Und ganz starr

Freitag, 6. Mai 2016

wohnung. alt. leer. grau.

Die alte Wohnung ist nahezu komplett leer. Ganz schaffe ich dauernd nicht.
Es sträubt sich alles.
Wenn ich den Schlüssel in die Tür stecke, freut sich kein Haustierchen, dass ich komme und Essen mitbringe. Alles steht wieder so, wie ich eingezogen bin. Kein Bild übrig, alle Fotos abgenommen. Die zwei Bordürenstreifen aus Farbe an der Wand. Farbenabdrücke im Bad. Gras an der Wand im Flur gemalt. Bald wird Weiß nichts von den bunten Spuren verraten.
Dann wird es nicht mehr meine Wohnung sein, sondern einfach nur noch eine Wohnung. Es wird nicht mehr die Wohnung sein, sondern einfach nur noch eine Wohnung.
Und irgendwann zieht jemand anderes ein und dann ist es nur noch seine oder ihre Wohnung.
Vorher muss ich aber alles restliche wegwerfen oder umziehen.

Bitte um Hilfe. Wenn Freunde es nicht anbieten, musst du sie fragen und das ist dein Recht.

Naja, das wird also gemeint und ich habe zum Glück einen Freund, der es angeboten hat und den ich vielleicht auch so gefragt hätte. Ausräumen und wenn ich nicht mehr kann, mit mir bestimmt auch den nächsten Spielplatz besuchen, spazieren gehen oder mich alleine durchatmen lassen.

Donnerstag, 14. April 2016

Luft

Plötzlich quetscht sich einfachschwer das Herz zusammen.
Unerwartet und mal ein paar Minuten nur lang. Oder tonnenstundenlastende Zeit.

Meist ohne dass ich den Grund kenne oder benennen kann, bin ich über jedes bisschen Sauerstoff froh, wenn ich nach unten gezwungen werde.
Um dem Herzen zu zu denken, dass Panik, Angst und Flucht nicht zu den hilfreichen Reaktionen gehören, wenn die Muskeln blockieren.
Sich die Füße in Betonklötze verwandeln und ich verzweifelt den Schraubstock löse.

Einatmen. Ausatmen. Atmen.

Ob wir die Kostbarkeit von Sauerstoff genügend schätzen?

Mittwoch, 13. April 2016

Farbensprung

Jn. kann nicht das gesamte Festival dabei sein. Er schreibt Klausur. Irgendwie verdammt schlecht gelaufen.
Dann stelle ich selbst fest - verdammt! Silbermond Openair und das Festival blockieren sich. Mist.
Welche Karte verkaufe ich? Etwa das tolle Silbermond Openair, den Abend, an dem ich jedes Lied werde mitsingen können und tanzen oder etwa das tolle 4 Tage Dance-Festival. Ein Konflikt, der mich fordert und in eine ernste Bredouille haut.
Welche Freiheit wiegt sich schwerer gegen die andere auf? Welche Waagenseite würde umkippen und mir eine Entscheidung präsentieren?


Farbensprung 

Musik, singen, tanzen,
springen, die Augen schließen
und sich im Moment leicht, aufgehoben, geborgen und lebendig fühlen.

Wenn die Füße sich in Zeitlupe abrollen.
Die Erde bröselt.
Fliegende Brocken.
Wirbelnder Staub.
Die Kraft in die Muskeln schießt.
Die Hände in die Höhe schnellen.
Die Waden sich anspannen.
Gestreckte Finger.
Langsam fliegende Haare.

Ich springe.
Sprungfederleicht. Sphärenhoch.
Das Licht in den Haaren. Die Töne und Noten an den Fingerspitzen.
Die Helligkeit und die Unendlichkeit tanzen vor meinen Augen.
Schnelle Wirbel. Enge Spiralen. Kreisige Tropfen.
Bis sich alles pulsierend mischt und farbig vereint.
Der absolut grenzenlose und freie Moment der leuchtenden Seele.